Warum unretuschierte Daten unfair sind

Heute kann man als Kunde zwischen vielen Fotografen wählen. Und die meisten sind so teuer!

Oh, manche sind aber ganz billig, sie geben sogar alle Daten unretuschiert auf Cd mit raus. Shoot-and-burn, Out-of-the-camera oder einfach: Bilder-CD mit allen Fotos.Meistens sind die Bilder nicht retuschiert. Aber das ist OK, man möchte ja auch nicht solche glatten Gesichter haben, so unecht, Retusche, das braucht man nicht, oder? Gabs ja früher auch nicht!

So denkt manchmal ein ganz normaler Kunde. Ich habe solche grausamen Bild-CD-Beispiele schon gesehen, als Kunden voller Verzweiflung ins Studio kamen und baten, zu retten was zu retten ist. Aber im nachhinein lässt sich ohne die Originaldatei im Negativformat (Ja, es gibt wirklich Negative in der digitalen Fotografie, sie heissen RAW-Dateien) nicht mehr viel machen.

Das Kernproblem ist, denke ich, daß viele Kunden ernsthaft glauben, früher wurden die Bilder ohne nachzudenken entwickelt und nicht retuschiert, heute geht das eben genauso.

Aber: Unretuschierte Daten sind meist auch unentwickelte Daten!

Auch früher hat man den Film nicht einfach in einen Bottich mit wahlweise gemischten Chemikalien geworfen und gehofft das was Tolles passiert. Der Kunde kam nicht und sagte: Mach das unretuschiert, mir egal wenn ich überall rot im Gesicht bin oder etwas zu dunkel, ich halte das Album einfach ins Licht oder verstecke es dann unterm Schrank, Hauptsache es kostet nichts.

Nein! Früher hat ein Fotograf manchmal Tage mit der Entwicklung EINES Bilder verbracht und oft noch mit dem Pinsel auf dem Bild retuschiert. Genauso wie der Fotograf heute ein Bild entwickelt, es zur Retusche vorbereitet, retuschiert und dann in ein für den Kunden sinnvolles Format zum Ausbelichten umwandelt.

Wenn man anständig fotografiert hat benötigt dies trotzdem noch viel Zeit. Aber es gehört zum Job.

Wenn ein Fotograf seine Bilder unretuschiert herausgibt spart er also viel. Viel Zeit und damit Geld. So ist er günstiger. Das ist super für den Fotografen. So hängt er schnell die Konkurrenz ab. Und schlecht für den unwissenden Kunden. Die meisten dieser Fotografen ziehen die beleidigten Kunden an, die immer nach den Daten fragen und dann horrende Preise gesagt bekommen. Sie sind verwirrt von Gerede über  DPI-Zahlen und Lizenzen, Auflösungen und mehr. Sie verstehen es nicht. Wofür will der Fotograf das Geld? Für eine Datei die er nur speichern braucht und dann läuft da ein ominöses Programm drüber und erledigt alles, oder?

Dabei ist es ganz leicht:

Früher war es so:

  • Der Fotograf versteht sein Handwerk, er hat es von einem Meister gelernt UND ist kreativ und gestalterisch geschult. Er bereitet sich ausgiebig vor.
  • Er macht Fotos mit einer tollen riesigen Kamera die man noch nie zuvor gesehen hat.
  • Er verknipst nicht wild den Film sondern nimmt sich für jedes Bild Zeit.
  • Ein (interessant fotografierter, mit der richtigen ISO-Zahl belichteter) Film kommt in den richtigen Entwickler.‘
  • Dann werden die Bilder ausgewählt und unter dem Vergrößerer auf das Papier (in einem korrekten Ausschnitt, evtl. gerade gerichtet) unter Rücksicht auf eventuelle Farb- und Kontrastkorrekturen ausbelichtet
  • In der Chemie wird dann das Foto entwickelt, getrocknet/gewalzt gesichtet und dann ausgeliefert.

Heute ist das aber ganz leicht, denn das macht ja eh alles die Kamera, oder?

OH GOTT, NEIN!
(diesen Satz habe ich übrigens schon mehrmals von Passanten und Kunden gehört, mindestens genauso oft wie:  Ist das überhaupt noch ein Beruf? da könnte man richtig losweinen oder wütend werden, aber oft ist es eben einfach die Unwissenheit der Menschen und gar nicht so böse oder beleidigend gemeint wie es bei uns Fotografen ankommt. )

Heute ist es sogar noch viel viel aufwendiger!

  • Der Fotograf versteht sein Handwerk, er hat es gelernt (alleine, an der Uni oder von einem Meister) UND ist kreativ und gestalterisch geschult. Er bereitet sich ausgiebig vor. Ausserdem kann er mit Computern umgehen, hat ein umfassendes Wissen und bildet sich immer weiter, da es ständig Neuentwicklungen gibt.
  • Er macht Fotos mit einer Kamera die er sich geliehen hat oder mühsam erspart, die aber trotzdem jeder zweite ambitionierte Hobbyfotograf hat.
  • Die digitale Kamera wird korrekt eingestellt, die ISO-Zahl, Blende, Belichtungszeit, Farbprofil…
  • Er verknipst nicht wild den Platz auf seiner Speicherkarte sondern nimmt sich für jedes Bild Zeit.
  • Danach werden die Daten auf einen PC übertragen, sortiert, mit Schlagworten versehen, umbenannt und nach der Übertragung erstmal gesichert.
  • Dann wird die RAW-Datei (das Negativ) in einem Entwicklungsprogramm geöffnet, und es wird die Farbtemperatur, Kontrast, Farbgebung, Schärfe usw. eingestellt und ggf.  korrigiert.
  • Da die Kunden oft darauf bestehen daß alle Bilder einer Serie, auch unter unterschiedlichsten Lichtverhältnissen fotografiert, trotzdem farblich genau gleich aussehen, werden alle Bilder farblich aneinander gepasst.
  • Nun kann man auch Stile und Effekte anwenden.
  • ERST DANN öffnet mn die hochauflösende Datei in Photoshop, retuschiert Haut, entfernt störende Bildelemente (Mülleimer, Kippen), setzte den Ausschnitt und speichert die Datei.
  • Nun wird die Datei in einem passenden Format und Farbprofil gespeichert und kann zu einem wunderschönen Foto ausbelichtet werden. Wenn man alles richtig gemacht hat.

das wäre aber nur das Standardprogramm- es haben sich die Werkzeuge verändert, aber nicht der Prozess des Entwickelns. Das dauert! Manchmal 10 Minuten, manchmal auch viele Stunden, je nach Anspruch. Und jetzt kostet die Datei auch etwas mehr.

Oh je, und was bekommen Sie wenn Sie unretuschierte Daten kaufen?

Wenn sie Glück haben, entwickelte Bilder ohne Retusche und Ihr Fotograf rechnet die benötigte Zeit über den Shootingpreis ab.  Dann wäre er aber wieder teurer. Meist aber das was aus der Kamera rauskommt.  Das können sie dann selber entwickeln. Aber es wird nicht so schön werden, es sei denn sie haben eine mehrjährige Ausbildung im grafischen Bereich oder ein Studium absolviert. Wenn man bedenkt was eine Entwicklung und Retusche am Ende ausgemacht hätte blutet einem als Fotograf das Herz.

Ausnahme: Hochzeistreportagen und Eventfotografie/Journalismus, hoffentlich entwickelt, aber üblicherweise ohne Retusche.

Ob man an dieser Stelle sparen sollte, bleibt also jedem Kunde selbst überlassen, aber vielleicht verstehen sie nun warum manche Fotografen gereizt oder beleidigt reagieren können wenn Sie für die Daten nichts zahlen wollen weil es der Hobbyfotograf nebenan vielleicht einfach so mit auf CD brennt.  Das ist sehr frustrierend und nur selten schnell erklärt.

Wenn man Fotografie liebt, liebt man auch seine Bilder und gibt sie nicht halbfertig raus, das ist meine Meinung. Ich bin Kollegen aber nicht böse, bei dem herrschenden Preisverfall versuchen sie im Kampf um die Kunden, immer billiger zu werden. Das gab es schon immer.
Das ist solange Ok, soweit die Kunden wissen was sie kaufen. Wer billig will, bekommt eben auch billig oder unerfahren. Leider wissen sie es oft nicht wirklich und sind später furchtbar enttäuscht und dies schadet auf  Dauer dem Ansehen, der Wertschätzung und dem Einkommen aller Berufsfotografen!

Ich hoffe ich konnte etwas Aufklärungsarbeit leisten.

Beispiel für Gesichts- und Haut-Retusche, Farbkorrektur und Umwandlung in Schwarz-Weiß in einem Bildbearbeitungsprogramm:

Beispiele für einfache Retuschen ohne Manipulation der abgebildeten Personen

Möchten Sie als Kunde lieber das Bild auf der linken Seite oder das auf der rechten?

Links: Datei Original unbearbeitet und entsättigt mit Standard- Bildbearbeitungsprogramm.
Rechts: fertig retuschiertes Bild mit aufwendiger Umwandlung in Schwarz-Weiss und Coloration.

Vorher-Nachher

Links: Datei Original unbearbeitet  <–>   Rechts: fertig retuschiertes Bild

Hier noch ein Beispiel, das Bild entstand bei Regen und ich musste blitzen um aufzuhellen. Ich wusste schon bei der Aufnahme das dies nicht schön aussehen würde. Ein häßliches Schild störte im Hintergrund und reflektierte durch den Blitz. Obwohl wir versuchten, mit Gegenlicht die Köpfe aufzuhellen brach die Kommunikation durch die Wände ab und der Blitz wurde nicht ausgelöst. Furchtbar. Ich war naß, die Kamera sollte nicht naß werden, es wurde immer dunkler und mir gefiel das alles nicht. Wir gingen also weiter. Aber mir gefiel am Ende das Bild trotzdem und so entwickelte und retuschierte ich es.

 

Beispiele Portraitretusche, vergrößerbar

Beispiele Bildretusche

Beispiele Bildretusche

Beispiel Bildretusche

 

Ich hab das bewußt etwas provokant geschrieben. Falls Ihr Fehler findet oder etwas ergänzen möchtet daß ich vergessen habe, bitte anmerken!